Die überhörten Wegbereiter

Aus dem Englischen übersetzt von Anne Hennig.  Zitate aus Interviews und wissenschaftlichen Studien wurden frei übersetzt,  bei Quellenangaben wurden allerdings die englischen Originalverlinkungen verwendet. 

Sie sind etwa so groß wie ein Spielplatz, müssen nur maximal 150 Meter von deiner Haustür entfernt sein und bilden ein unterirdisches Netz unter Städten und Wohngebieten: Fracking-Anlagen.

Bis Ende September 2017 wurden im US-Bundesstaat Colorado 2.479 neue Bohrgenehmigungen zur Extraktion von Öl und Gas aus dem Gestein ausgestellt. Die meisten in Weld County, einem Landkreis im Norden des Bundesstaates, nahe der Hauptstadt Denver. Laut Daniel Glick, Journalist und Autor der Serie „Fractured“ im Colorado Independent ist Weld County der Landkreis mit den meisten Fracking Anlagen in den Vereinigten Staaten.

Nach ofiziellen Zahlen des Landkreises liegen 23.589 von den insgesamt 54.369 aktiven Öl- und Gasförderanlagen in Colorado in Weld County.

In Deutschland undenkbar

Für die Genehmigung einer neuen Bohranlage müssen bestimmte Regularien eingehalten werden. Eine davon ist, dass der Abstand zu bestehenden Wohnhäusern mindestens 150 Metern (500 feet) betragen soll, bei Schulen sind es mindestens 300 Meter (1000 feet). Allerdings wird nur die Entfernung zum eigentlich Gebäude gemessen, Außenanlagen wie Spiel- oder Sportplätze werden dabei nicht berücksichtigt. Auch für Neubauten gelten andere Regeln. Diese dürfen bis zu 15 Meter (50 feet) an eine bestehende Anlage herangebaut werden.

Letzendlich sind es die Anwohner, die mit den Konsequenzen leben müssen. Manche realisieren nicht die Gefahren, die von einer Fracking-Anlage ausgehen können, andere verschließen die Augen davor, denn sie sind abhängig von den vergleichsweise niedrigen Immobilienpreisen. Wieder andere loben die Vorteile, die Öl- und Gaskonzerne den Landkreisen bringen.

Und dann gibt es noch die, die ihre Stimmen erheben und laut protestieren, wie Lowell Lewis oder Monica Korber. Beide wohnen in Weld County, Lowell Lewis in der Stadt Greeley, Monica Korber in Erie, einer Stadt die zum überwiegenden Teil im benachbarten Boulder County liegt.

Anmrkg. der Autorin: Der Kontrast könnte nicht größer sein. Während in Weld County die Zahl der neuen Fracking-Anlagen stetig wächst, haben sich in Boulder County zahlreiche Bürgerinitiativen gegen das Fracking ausgesprochen. Zur Zeit hat der Landkreis ein Fracking-Verbot ausgesprochen, das aber im Ernstfall keinen juristischen Bestand hat. Für mehr Hintergrundinformationen empfehle ich den Artikel „Fracking – Bohren um jeden Preis?„.

„Wie ein alter LKW-Motor“

„Es war in der Nacht vor Thanksgiving in 2014,“ erzählt Korber. „Ich lag in meinem Bett als ich die Geräusche hörte, es klang wie Vibrationen, wie ein alter LKW-Motor oder so etwas in der Art, direkt vor meinem Schlafzimmerfenster.“ Doch vor ihrem Fenster war kein LKW. Ein paar Tage später fand sie heraus, dass es die Bohrgeräusche einer Fracking-Anlage waren, die beinahe über Nacht in ihrer Nachbarschaft errichtet wurde.

Seit dieser Nacht klagen die Bewohner des Wohnviertels vermehrt über gesundheitliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel und Erschöpfung, berichtet Korber.

Verschieden Studien weisen auf potentielle Gesundheitsrisiken durch das Fracking hin. Rebecca Hall, eine ehemalige Studienkollegin, hat sich eingehender mit dem Thema beschäftigt. [Foto: Anne Hennig]

„Wir haben mit Personen gesprochen, die die Luftqualität beobachten,“ erklärt Ted Woods, Journalist und ebenso wie Daniel Glick Experte in Sachen Fracking. „Jeder, von NOAA bis zur CU oder CSU hat uns bestätigt, dass VOC’s die größten Probleme für die Gesundheit darstellen.“

Anmrkg. der Autorin: NOAA ist die Abkürzung für National Oceanic and Atmospheric Administration, die Wetter- und Ozeanografiebehörde in den Vereinigten Staaten. Die Abkürzungen CU und CSU stehen für die beiden großen Universitäten in Colorado, die University of Colorado (CU) und die Colorado State University (CSU) .

Studien weisen auf Gesundheitsrisiken hin

VOC ist die Abkürzung für „volatile organic compounds„, Kohlenstoff-Verbindungen, die sehr schnell verdampfen und daher in der Natur hauptsächlich gasförmig vorkommen. Zu den flüchtigen organischen Verbindungen zählt zum Beispiel Benzol.

„Es gibt zwei große Probleme mit VOC’s,“ erklärt Glick. Einmal seien es die unmittelbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Benzol. In einer kürzlich veröffentlichen Studie konnte für ländliche Regionen in Colorado gezeigt werden, dass ein Zusammenhang zwischen der Nähe zu Fracking-Anlagen und dem Risiko an Blutkrebsarten wie Leukämie zu erkranken besteht.

Doch nicht nur die unmittelbaren Gesundheitsrisiken stellen ein Problem für die Anwohner dar.

Im Juli 2017 veröffentlichten Hirsch et al. im International Journal of Mental Health and Addiction Untersuchungsergebnisse zu den psychosozialen Folgen des Frackings. Die Autoren stellten fest, dass die geistige Gesundheit und das psychische Wohlbefinden von Kommunen, in denen Fracking betrieben wird, ebenso wie potentielle Vor- und Nachteile oftmals nicht beachtet würden.

Die Autoren der Studien fanden zudem heraus, dass trotz minimaler, anfänglicher Vorteile wie Pachteinnahmen oder Infrastrukturentwicklung einzelne Individuen unter immensen psychische Beeinträchtigungen leiden. Sorgen, Ängste oder Depressionen über Lebensstil, Sicherheit, finanzielle Absicherung und Gesundheit im Allgemeinen sowie der kontinuierliche Kontakt zu Neurotoxinen werden als beeinträchtigende Faktoren genannt.

Ganze Gemeinschaften könnten kollektive Traumata erleben, die sich nach einem Boom-Bust-Zyklus einstellen, so die Autoren.

Der Kampf im Kleinen

Obwohl Studien die negativen Auswirkungen der Öl- und Gasextraktion in der Nähe von Wohngebieten deutlich hervorheben, kämpfen Anwohner wie Lowell Lewis und Monica Korber immer noch gegen die sprichwörtlichen Windmühlen.

Lewis erzählt von einem Treffen zwischen der Öl- und Gasfirma, die in seiner Nachbarschaft bohren wollte, der staatlichen Öl- und Gaskomission (Colorado Oil and Gas Commission, COGCC), die unter anderem die Bohrvorhaben prüft, und den Anwohnern. „Nach einer Weile wurde uns klar, dass uns Matt Lepore antwortete, wenn wir Fragen zu den Bohrvorhaben stellten.“

Matt Lepore ist der Direktor der COGCC, deren selbsterklärtes Ziel es ist, einen verantwortungsbewussten Umgang mit Colorados Öl- und Gasreserven zu fördern. Dazu, so ist es im Leitfaden der Behörde zu lesen, gehört auch die verantwortungsbewusste Extraktion der natürlichen Ressourcen in Einklang mit dem Schutz der Gesundheit, der Sicherheit und dem Wohlbefinden der Bevölkerung.

An einem bestimmten Punkt in dem Treffen ging es um Geld. „Wir sagten ‚Oh, es geht also ums Geld‘. Und Matt Lepore sprang sofort darauf an und sagte – und das ist beinahe ein direktes Zitat – ‚Sie müssen verstehen, dass diese Leute einen Haufen Geld hier investiert haben und nun eine Gegenleistung bekommen müssen‘,“ berichtet Lewis.

„Da wurde uns ganz klar, dass wir verloren hatten. Und so kam es auch. Ein paar Wochen später wurde das Projekt bewilligt und nach zwei Wochen zog die Firma Extraction hier draußen hin,“ sagt Lewis.

„Wir müssen uns Verbündete suchen“

Vor dem Hintergrund, dass Behörden und Stadträte eher Partei für die Fracking-Firmen ergreifen, müssen sich die Bürger verbünden.

„Wir fangen gerade erst an uns miteinander zu vernetzen,“ erklärt Monica Korber und verweist auf die Gruppe East Boulder County United. Diese Gruppe hat dem Fracking im benachbarten Boulder County den Kampf angesagt und hilft Aktivisten, miteinander in Kontakt zu kommen.

„Du kannst nicht erwarten, dass die Fracking-Firmen dir etwas Gutes wollen, aber du kannst auch nicht erwarten, dass dir die COGCC zu Hilfe kommt. Sie werden gegen dich arbeiten. Das ist es, was wir den anderen erzählen,“ sagt Lewis. Und er, genau wie Monica Korber, erzählt seine Geschichte – besorgten Bürgern in anderen Landkreisen, Wissenschaftlern und Journalisten.

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